Biodiversität – Leben braucht Vielfalt

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23.10.2013
von Sabine Seifert | Klett MINT | #mintmagazin

Biodiversität – Leben braucht Vielfalt

Noch ist der Mensch keine bedrohte Art. Das könnte sich jedoch ändern, denn immer mehr Tierarten, Pflanzen und Ökosysteme verschwinden von unserem Planeten – und mit ihnen Ressourcen, die das Überleben des Menschen ermöglichen. Um auf diese dramatische Entwicklung aufmerksam zu machen, erklärte die UNO das Jahr 2010 zum „Internationalen Jahr der Artenvielfalt“.

Bedeutung

Ob Tiefsee, tropischer Regenwald oder Trockentäler in der Antarktis – es gibt Ökosysteme, in die der Mensch bis heute noch nie vorgedrungen ist. Wir wissen deshalb nicht, wie viele Arten von Lebewesen es tatsächlich auf der Erde gibt. Schätzungen gehen von 10 bis 20 Millionen aus, ein Großteil davon Insekten und andere wirbellose Tiere, Pilze und Bakterien. Stets werden neue Arten entdeckt, und die Arizona State University kürt jährlich die zehn außergewöhnlichsten: Beispielsweise ein erbsengroßes Seepferdchen, eine Palme, die sich zu Tode blüht oder eine Stabheuschrecke, die über einen halben Meter lang wird. Mit dem ungewöhnlichsten Fundort punktet das Microbacterium hatanonis, ein Bakterium, das sich in handelsüblichem Haarspray wohl fühlt und dort von japanischen Forschern aufgespürt wurde. Im Jahr 2007 entdeckten Forscher eine neue Flohart, die in den Nasenhöhlen und unter der Zunge von Sittichküken ihre Heimat hat. Selbst bei den hervorragend erforschten Blütenpflanzen kommen jedes Jahr noch über 1000 neue Arten dazu. „Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie unvollständig unser Wissen über die Arten der Erde ist“, so Quentin Wheeler, Leiter des International Institutes for Species Exploration der Arizona State University.

 

Arten sterben immer schneller aus

Es ist Teil des Lebens, dass Arten aussterben. Allerdings geschieht dies heute 100 bis 1000 Mal schneller, als es natürlich zu erwarten wäre. Biologen schätzen, dass jeden Tag 70 bis 150 Tier- und Pflanzenarten verschwinden. Verursacher dieses Artensterbens ist der Mensch, denn die wachsende Erdbevölkerung benötigt Nahrung und Platz. Urwälder werden vernichtet, um Anbaugebiete für großflächige Monokulturen zu gewinnen, die Weltmeere leer gefischt, Heilpflanzen und Tropenhölzer geplündert und Tiere so intensiv bejagt, bis sie aussterben. Auch das Einbringen gebietsfremder Tiere und Pflanzen kann die ursprüngliche Artenzahl dezimieren: Der in den Victoriasee eingesetzte Nilbarsch ist beispielsweise für das Verschwinden von 200 nur dort vorkommenden (endemischen) Buntbarsch-Arten verantwortlich. „Aussterben ist nicht einfach ein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess“ sagt Pat Mooney, Technikkritiker und Träger des alternativen Nobelpreises. Bereits der Niedergang einer einzigen Art verursacht eine Kettenreaktion: Stirbt eine Pflanze aus, verschwinden mit ihr 20 bis 40 Insekten- und Wirbeltierarten, die auf sie angewiesen sind.

 

Nicht nur Wildtiere und Wildpflanzen sind betroffen

Aussterben betrifft auch unsere Kulturpflanzen. In den 12.000 Jahren landwirtschaftlicher Tätigkeit nutzte der Mensch etwa 80.000 essbare Pflanzen und kultivierte Saatgut, das an die unterschiedlichsten lokalen Verhältnisse angepasst war. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ersetzte er die Vielfalt durch neue, hochentwickelte Typen. Heute werden über 50 Prozent der benötigten Nahrungsenergie für die Menschen aus nur drei Pflanzenarten erzeugt: Mais, Reis und Weizen. Damit konnten zwar die landwirtschaftlichen Erträge erhöht werden, jedoch um den Preis, dass nun viele traditionelle Kulturpflanzen ausgestorben sind. Mit ihnen ging wertvolles Genmaterial verloren, mit dem man möglicherweise künftigen Pflanzenkrankheiten oder veränderten klimatischen Bedingungen hätte begegnen können. Kritiker befürchten auch, dass Landwirte zunehmend vom Saatgut transnationaler Agrochemie-Riesen abhängig werden und die Konzerne eine gefährliche Schlüsselstellung bei der Produktion von Nahrungsmitteln erlangen.

 

Warum wir mickrigen Urweizen, hässliche Nacktmulle und mückenverseuchte Sümpfe brauchen

Biodiversität, das ist „Leben in all seinen Erscheinungsformen“ und bezeichnet die Vielfalt aller Gene innerhalb einer Art, die Vielfalt der Arten und die Vielfalt an Ökosystemen und Lebensräumen. Wenn wir diese Diversität zerstören, graben wir Menschen uns letztlich selbst das Wasser ab. Jochen Flasbarth, Abteilungsleiter Naturschutz im Bundesumweltministerium, warnt: „Wir vernichten Baupläne für Arten, für Technologien, für Stoffe, die wir heute oft noch nicht einmal kennen, geschweige denn verstehen.“ Mitte der siebziger Jahre beispielsweise wurde in Australien eine Froschart entdeckt, deren Weibchen die Eier aufnahmen, jedoch nicht verdauten. Sie brüteten die jungen Frösche im eigenen Magen aus. Von dieser Entdeckung versprachen sich Wissenschaftler neue Behandlungsmöglichkeiten für schwere Magenerkrankung beim Menschen. Leider konnten die Untersuchungen nicht fortgesetzt werden, weil die Frösche ausstarben.

 

„Nach mir die Sintflut“ – so denken zum Glück immer weniger

Jeder kann mit seinen Kaufentscheidungen dazu beitragen, die Artenvernichtung zu bremsen, und Einfluss darauf nehmen, was produziert wird und wie dies geschieht. In den Industrieländern gibt es immer mehr Konsumenten, die ihre Lebensweise auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausrichten. Sie bezeichnen sich als LOHAS, was für Lifestyle of Health and Sustainability steht. Sie mögen regionale Küche mit heimischen pflanzlichen und tierischen Produkten, sind Kunden von Bioläden oder Biosupermärkten, machen Natur- und Outdoor-Urlaube und lehnen die „Geiz ist geil“-Mentalität ab – nach dem Motto: „Vom viel Haben zum gut Leben!“

 

Abiwissen Biologie ökologische Nische

Die Evolution begünstigt alle Veränderungen einer Art, die die Konkurrenz mit anderen Arten verringert oder vermeidet. Denn je ähnlicher die ökologischen Ansprüche der beteiligten Arten sind, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie dauerhaft den gleichen Lebensraum besiedeln. Die Konkurrenz kann minimiert werden, wenn Arten auf unterschiedliche Ressourcen ausweichen. Jede Tierart hat ihr eigenes Wirkungsfeld; sie braucht andere Nahrung, hat andere Feinde und Parasiten, andere Aufenthaltsorte und Nistplätze. Diese Tatsache drückt das Konzept der ökologischen Nische aus. Die ökologische Nische ist die Einheit aus einer Art und ihrer spezifischen Umwelt. Zur Nische gehören sowohl die Ansprüche der Art an ihre Umwelt als auch die Angebote und Anforderungen dieser Umwelt an die Art.

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Weitere Infos:

Die Arizona State University kürt alljährlich die ungewöhnlichsten neuendeckten Lebewesen

Bundesamt für Naturschutz

Convention on biological Diversity

 

Filme:

PlanetBob

Science Slam: Biodiversität kann tödlich sein

 

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