MINT-Mädchen - Streberin oder Heldin?

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04.06.2014
von Joachim Friedmann | Klett MINT | #mintmagazin

MINT-Mädchen - Streberin oder Heldin?

Telenovelas, Daily Soaps: Geistlose Unterhaltung, die sich Schüler möglichst sparen sollten, so das Vorurteil. Was aber, wenn die Jugendlichen wie so oft nicht auf ihre Eltern und Lehrer hören und diese Serien trotzdem schauen? Drehbuchautor Joachim Friedmann erzählt, wie man aus einer vermeintlichen Streberin ein Rollenvorbild kreiert.

Trotz Konkurrenz durch Castingshows und Reality-Formate: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ) ist seit vielen Jahren eine der erfolgreichsten Fernsehserien, mit Marktanteilen bis zu 30 Prozent. Zudem ist sie in Deutschland das fiktionale Format mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt der Zuschauerinnen und Zuschauer. Vor allem für junge Mädchen bietet die Serie eine wichtige Projektionsfläche und spielt eine zentrale Rolle in ihrem Leben, wie eine Studie des „Internationalen Zentralinstitus für das Jugend- und Bildungsfernsehen“ (IZI) nachweist. Mädchen suchen „ganz gezielt nach Fernsehfiguren, an die sie sich anschließen können“ so die Leiterin des IZI, Dr. Maya Götz. Dabei entwickeln sie zu Seriencharakteren häufig „eine tiefe emotionale Bindung die sich Erwachsene kaum vorstellen können“. Auch in angelsächsischen Ländern gibt es eine Vielzahl von Studien, die diese Bindung von Zuschauerinnen und Zuschauern an Serienfiguren und Serienwelten belegen.  

Wichtig ist den Rezipientinnen dabei auch, dass in der Daily Soap als dialoglastigem Format viele Dinge ausgesprochen und vor allem Emotionen und Gedanken häufig verbalisiert werden. Auf diese Weise wird Komplexes verstehbar gemacht, was laut Maya Götz „in der Pubertät, in der so vieles unverständlich ist, für die Mädchen sehr attraktiv ist. Die tägliche Serie ist tatsächlich eine Art Sozialisationsprogramm und wird auch von den Mädchen so begriffen. Sie verstehen zwar, dass sie im Fernsehen nur eine gespielte Realität sehen, aber sie haben das Gefühl, dass ihnen etwas erklärt wird und dass das bewusst passiert.“ Ähnliches belegen regelmäßig durchgeführte Marktforschungsstudien sowie die Rückmeldungen von Fans und Zuschauern in Internetforen. Uns Drehbuchautoren ist also klar, dass wir nicht nur die Aufgabe haben, Unterhaltung zu produzieren, die für eine gute Quote sorgt, sondern dass wir Rollenvorbilder schaffen.

Die Figur der Lilly Seefeld aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ist so ein potentielles Rollenvorbild. 2011 zog sie mit ihrer Mutter Maren, einer chaotischen, alleinerziehenden Grafikerin und ihrer Halb-Schwester Tanja, der widerspenstigen Tochter eines Rockstars, in den GZSZ-Kiez. Einerseits wurde Lilly als dramaturgisches Gegengewicht zu der rebellischen, wilden Tanja konzipiert. Anderseits war uns wichtig, dass wir in Lilly ein positives Rollenvorbild schaffen, die Werte wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Authentizität verkörpert, die neugierig und wissensdurstig ist und die ein positives Bild von Bildung und naturwissenschaftlichem Forscherdrang vermitteln kann.

Es wäre nun leicht gewesen, eine Figur zu kreieren, die all diese Eigenschaften hat, dabei gut aussieht und beliebt ist; die mit ihren speziellen Fähigkeiten die Probleme des Alltags meistert und zeigt, wie schön es ist, zu forschen und zu lernen – eine moderne Heldenfigur der Naturwissenschaften. Aber wäre so eine Figur realistisch? Und weiterhin: Würde sie Empathie erzeugen und damit als Vorbild funktionieren?

Die ARD landete im Jahr 2009 einen veritablen Flop mit der täglichen Serie „Eine wie Keine“. Darin wird der Kampf einer Schweißerin um ihren Arbeitsplatz und ihr Lebensglück geschildert. Sie ist dabei Teil eines Ensembles von vier Freundinnen, die ebenfalls als Schweißerinnen arbeiten. Die ARD wollte mit dieser Serie bewusst ein Format schaffen, das gesellschaftlich relevante Themen emotional und vor allem realitätsnah vermittelt. Ein einfacher Blick in Wikipedia hätte genügt, um zu klären, dass ein Ensemble von Schweißerinnen in etwa so realitätsnah ist wie ein Ensemble von Meerjungfrauen. In Deutschland sind nur 1,3 Prozent der Berufsgruppe der Schweißer weiblichen Geschlechts. Das Publikum konnte sich mit diesem erzählerischen Bruch nicht anfreunden, die Serie erreichte einen durchschnittlichen Marktanteil von unter fünf Prozent und wurde nach nicht mal einem halben Jahr auf dem Sender abgesetzt.  

Bei der Figur der Lilly Seefeld war uns klar, dass Jugendliche – und da vor allem junge Frauen – mit hohen naturwissenschaftlichen Kompetenzen oft eher kritisch und distanziert betrachtet werden, als „nerdig“, als Streber, als graue Maus. Trotzdem war es uns wichtig, Lilly als positive, selbstbewusste Figur zu positionieren. So haben wir beide Seiten in der Figur realisiert: Sie ist sehr gut in der Schule, hat aber weniger Freunde und ist im Gegensatz zu ihrer sozial erfolgreichen Schwester Tanja eher isoliert. Sie ist sich ihrer intellektuellen Stärken bewusst, leidet aber immer wieder unter der Unsicherheit, ob sie als attraktives Mädchen zu genügen weiß und auch sexuell begehrenswert ist. Gleichzeitig ist sie aber selbstbewusst, schlagfertig und blitzt in Gesprächen in ihrer Clique immer wieder mit geistreichen Bemerkungen und coolen Sprüchen auf.

Exemplarisch für diesen Konflikt ist eine Geschichte, bei der unser Autorenteam von „MINTiff“, einem Projekt zur Untersuchung von Berufsbildern in Unterhaltungsformaten an der TU Berlin, beraten wurde, um auch den naturwissenschaftlichen Hintergrund der Erzählung authentisch schildern zu können. Lilly nimmt beim „Jugend Forscht“-Wettbewerb teil, bei dem sie einen Solarkocher entwickelt, der kostengünstig produziert werden kann, so dass er auch für arme Familien in der Dritten Welt erschwinglich wird. Durch ihren Erfolg und ihr Engagement zieht sie die Aufmerksamkeit eines Journalisten auf sich. Ihr Projekt wird in der Zeitung begeistert besprochen. Auf dem Foto ist aber statt Lilly ihre auffälligere, fotogenere Mitschülerin Cindy zu sehen, die eigentlich Model werden will und sich für Forschung nicht interessiert. Trotzdem lässt sich Lilly nicht unterkriegen und kann durch Witz und Schlagfertigkeit den Rückschlag wett machen – der trotzdem weiter schmerzt. Lilly muss für ihre intellektuellen Erfolge auf anderen Gebieten Niederlagen einstecken. Gerade deswegen aber erzeugt sie Empathie und wirkt realistischer. 

Indem wir der Figur authentische, innere Konflikte gegeben haben, statt sie zu einer rein positiv besetzten Heldenfigur zu machen, haben wir so einen Charakter geschaffen, der beim Publikum beliebt ist und der – wie die Martkforschungen belegen – als Rollenvorbild angenommen wird.

 

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