Mit dem Kopf gespielt

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01.07.2014
von Tobias Beck | Klett MINT | #mintmagazin

Mit dem Kopf gespielt

Wenn schon nicht mitkicken, dann wenigstens mitreden. Jetzt, während der WM in Brasilien ist wieder Fußball-Wissen gefragt. Damit sich die Daheim-Gebliebenen die Fakten rund um die Lederkugel hart wie Freistöße um die Ohren schießen können, haben wir eine Auswahl der schönsten Fußball-Studien zusammengetragen. Ob Physiker, Mediziner, Psychologe oder Astronom – schließlich gibt es kaum einen Fachmann, der nichts zum liebsten Hobby der Deutschen zu sagen hätte.

1) Der Kopf

„Den Kopf hinhalten“ hat im Fußball eine ganz eigene Bedeutung. Schließlich entscheidet häufig der Schupser mit Stirn oder Schläfe über das Wohl und Wehe einer ganzen Nation. Wer ihn hinhält, seinen Kopf, kann schnell zum Helden werden. Oder krank. Ungefährlich ist er nämlich nicht, der Kopf-Kontakt mit dem runden Leder. Amerikanische Mediziner meinen, Defizite an Fußballerhirnen ausgemacht zu haben. Vor allem das Sprachzentrum scheint nach Ansicht der Neurologen betroffen zu sein.  Der englische Ex-Fußballprofi Jeff Astle soll seinen Gedächtnisschwund stetem Kopfballeinsatz zu verdanken haben. Er starb daran, „Arbeitsunfall“ steht in seinem Totenschein.

Wie das bei guter Wissenschaft aber eben so ist: Um die Hypothesen wird gestritten. Norwegische Forscher kamen vor einigen Jahren zum Schluss, dass köpfen doch nicht doof macht. Sie untersuchten 271 Spieler der norwegischen Liga eine Saison lang mit Gehirntests, Fragebögen, Videoanalysen. „Kein Beweis für neurologische Auswirkungen“, verkündeten sie stolz.

Die Fachwelt ist so zerstritten, dass die Zeitschrift „Journal of Sports Science“ 2005 eine Sonderausgabe veröffentlicht hat – mit Expertisen der namhaftesten Kopfballforscher. Einig wurden die sich zwar nicht, aber sie fassten die Fakten zusammen: Bis zu 80 km/h erreichen Kopfbälle. 2000 derartiger Geschosse erreichen einen Fußballer im Lauf seiner Karriere. Im Anschluss treten Beschleunigungen von 10 g auf – soviel wie beim Start einer Rakete. Und: Würde man den Ball nur halb so stark aufpumpen, würde es um 30 Prozent weniger weh tun. Aber für die Entscheidung, in Zukunft nur noch mit schlappen Bällen zu spielen, dafür will keiner den Kopf hinhalten.

 

2) Der Aberglaube

Manche denken ja, Essen hilft. Dass es also, wenn sie am Tag der Spiele immer Nürnberger Würstchen mit Kartoffelbrei essen, genau das den Deutschen den Sieg bringt. Andere drücken kleinen Plüschmaskottchen die Luft ab während des Spiels. Die nächsten küssen den Fernseher.

Wissenschaftler sollten so was ja nicht tun. Aber ob im Fußball nicht auch Übernatürliches eine Rolle spielt, so sicher ist sich die Wissenschaft da nicht. Nicht mehr. Schuld ist eine Untersuchung, die der niederländische Quantenphysiker Jozef Verhulst im Jahr 2000 durchführte. Er betrachtete die Geburtstage aller Fußballer, die an der WM 1998 in Frankreich teilnahmen und berechnete, welche Stellung Sonne und Mond am Tag ihrer Geburt hatten. Die Erkenntnis: Unter den 704 Fußballern waren 168, bei denen Sonne und Mond am Geburtstag in benachbarten Tierkreiszeichen gestanden hatten. Viel zu viel, als dass es Zufall sein könnte, folgerte der Forscher. Seitdem grübelt die Wissenschaft: Warum ist das so? Astrologie hält der Quantenphysiker nämlich für Unsinn: „Ich bezweifle, dass irgendein Astrologe den Ausgang dieser Untersuchung hätte vorhersagen können“, schreibt Verhulst. Wie Tierkreiszeichen und Spielverläufe zusammenhängen ist allerdings noch ungeklärt. Essen Sie also ruhig ihre Würstchen, wenn die Deutschen spielen. Wenn es doch hilft…

 

3) Die Trikotfarbe

Womöglich haben die deutschen Kicker den Sieg schon in der Tasche – und wissen e bloß nicht. Das Auswärtstrickot der deutschen ist nämlich schwarz-rot. Rot! Das könnte den Sieg bedeuten.

Zu dieser fußballmodisch wegweisenden Erkenntnis sind die Evolutionsantropologen Russel Hill und Robert Barton an der englischen Universität Durham gelangt. Die beiden hatten die Farben und Spiele der Fußball-EM 2004 farbtechnisch analysiert. Treten zwei etwa gleichstarke Gegner an, gewinnen in eindeutig mehr Fällen die Roten. 2004 war der Effekt offenbar besonders ausgeprägt. Die Forscher verglichen fünf Teams, bei denen eine Trikotfarbe rot war. „Wir fanden, dass alle fünf besser spielten, wenn sie in rot aufliefen“, schrieben die Forscher. Sie waren offensiver, hatten mehr Chancen und weniger Probleme mit dem Schiedsrichter.

Sogar die Anzahl der Tore schien mit der Farbe zu korrelieren. Die untersuchten schossen im Schnitt 0,97 Tore mehr, wenn die in rot aufliefen. Als Erklärung für dieses Phänomen dient den Wissenschaftlern übrigens die Biologie. Rot würde auch bei Tieren sexuelle Reize hervorrufen und den Testosteronspiegel beeinflussen. Könnte das Auswärtstrikot also aus schlappen deutschen Fußballmännern wieder torhungrige Gockel machen?

Vermutlich nicht. Schließlich ist auch schwarz dabei. Und diese Untersuchung gibt es eben auch: Gegen schwarz pfeifen Schiris offenbar immer besonders gern.

 

4) Das Image

Liebe Herren Fußballer, so was macht man nicht! Am Trikot zupfen fies festhalten und so. Auf dem Platz wissen Sie das ja. Aber auch nach dem Spiel ist Mädels hinterherpfeifen, rumpöbeln und Isodrinkflaschen in die Ecke pfeffern tabu. Es geht dabei nicht um den erhobenen Zeigefinger und Moral und so. Nein, es geht um den Sieg!

Denn ist der Ruf erst ruiniert, dann kickt sichs ziemlich kompliziert. Dast hat die Psychologie herausgefunden. Eine Mannschaft mit schlechtem Ruf wird von Schiedsrichtern nämlich nachweislich härter rangenommen als andere. Der Psychologe Marc Jones von der Staffordshire University hat für diese Erkenntnis 38 Schiedsrichtern Videos verschiedener Fouls vorgespielt. Eine Mannschaft trug dabei stets blaue Trikots. Die eine Hälfte der Schiedsrichter sah sich die Szenen einfach so an und musste entscheiden, ob und wie zu strafen ist. Die andere Hälfte bekam den gleichen Auftrag aber ihnen wurde davor noch gesagt, dass das blaue Team aggressiv und hinterhältig sei.

Die Untersuchung zeigte dan eindeutig: Die Schiedsrichter, die den schlechten Ruf der blauen kannten, pfiffen zwar nicht öfter, aber sie verteileten mehr Karten. 50 Prozent häufiger als ihre neutralen Kollegen zückten sie Gelb oder Rot. Die Psychologen erklären sich dies damit, dass Schiedsrichter im Moment der Entscheidung besonders einsam auf dem Platz sind. Dann müssen ihre Gehirne auf Erfahrungen zurückgreifen, und genau diese werden durch den Ruf einer Mannschaft beeinflusst. Heißt also: Liebe WM-Kicker, reizen Sie nicht das Stammhirn ihres Schiris, verhalten Sie sich lieber wie nette, brave Schwiegersöhne.

 

5) Das Abseits

Dieser Heimversuch bietet sich für spielfreie Tage an: Drei Nachbarn einladen, gleichzeitig unterschiedliche Nationalhymnen gröhlen und dabei versuchen, Textfehler bei den anderen herauszuhören. Wer das schafft, kann sich gratulieren – in etwa so kompliziert ist das sichere Erkennen eines Abseits für Linienrichter auch. Nur dass bei den Unparteiischen die Reizüberflutung nicht im Ohr sondern im Auge stattfindet. Um eine Abseitsposition zu erkennen, müssen die Hilfssheriffs nämlich stets drei Spieler gleichzeitig im Auge behalten und das ist mindestens so schwer wie der Text dreier Nationalhymnen.

Niederländische Forscher haben vor einigen Jahren im Fachblatt Nature publiziert, dass optische Täuschungen zu Fehlentscheidungen des Linienrichters führen. Sie gaben professionellen Linienrichtern 200 mögliche Abseitspositionen vor. 40 davon wurden falsch erkannt. Schuld daran war der Winkel aus dem die Linienrichter die Situation zu sehen bekamen.

Dummerweise sind die Flaggenträger nämlich selten auf der Höhe des Balls, sondern laufen meistens – im Test in mehr als drei Vierteln aller Fälle – dem Geschehen hinterher. Da kann es vorkommen, dass der Linienrichter den Angreifer vor dem Verteidiger sieht, obwohl der noch hinter diesem ist und andersrum.

Ihre Erkenntnis haben die Wissenschaftler zur gezielten Analyse genutzt und jene Positionen bestimmt, aus denen heraus es zu den Fehlentscheidungen kam. Das Ergebnis: Formeln für den wahrscheinlichsten Abseits-Fehler. Dass die Berechnungen stimmen, bewies schließlich ein Vergleich mit den Spielen der WM 1998. Die meisten Fehlentscheidungen gab es in genau den Situationen, die die Forscher vorhergesagt hatten.

Hochgerechnet wirft die Statistik ein trauriges Bild auf den Fußballalltag: Fast zehn Prozent der gepfiffenen Abseitssituationen sind demnach gar keine. Aber glücklicherweise ist der Knick in der Optik der Linienrichter symmetrisch – etwa gleich oft bleibt die Flagge nämlich unten, obwohl es Abseits ist. Der Fußballgott kann wohl ganz gut rechnen.

 

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