Köpfchen statt Bizeps: MINT-Detektive auf dem Vormarsch

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10.06.2014
von Joachim Friedmann | KlettMINT | #mintmagazin

Köpfchen statt Bizeps: MINT-Detektive auf dem Vormarsch

Numbers, Bones, Navy CIS , Crossing Jordan, CSI New York, Las Vegas und Miami: Schier endlos scheint die Zahl der erfolgreichen Krimiserien, bei denen naturwissenschaftlich versierte Ermittler im Zentrum der Handlung stehen.

„Wissenschaft ist wieder cool (und verdankt alles CSI)“, titelt die walisische Western Mail und weist darauf hin, dass seit dem Siegeszug der smarten MINT-Ermittlerdie Anmeldungen für Studiengänge in chemischen, medizinischen oder biologischen Fächern um vier Prozent gestiegen sind. Doch seit wann gibt es eigentlich diesen scheinbar neuen Typus des Detektivs? Und haben die einsamen Wölfe wie Philip Marlowe oder Horst Schimanski, die zwar auch mit kombinatorischem Verstand, aber vor allem mit Faust und Feuerwaffe agieren, ausgedient?

Hard Boiled als Codewort für das Faustrecht

Wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass der MINT-Detektiv gar keine so neue Erscheinung ist. Schon der berühmteste aller Detektive, Sherlock Holmes, war ein Student der Chemie, der auch in Biologie, Botanik und Physik profunde Fachkenntnisse besaß. Seine forensischen Methoden und Ermittlungstechniken, darunter ballistische Untersuchungen, Sicherung von Fingerabdrücken und der Einsatz eines Mikroskops, steckten zu Holmes Zeiten, Ende des 19. Jahrhunderts, noch in den Kinderschuhen. Auch dank des Einflusses der literarischen Figur Sherlock Holmes, der diese Methoden bekannt machte, sind sie heute zu Standardtechniken der Kriminalistik geworden. Ähnliche Ermittlungstechniken wendeten auch andere große Detektivfiguren an, die in der viktorianischen Ära oder kurz danach berühmt wurden, zum Beispiel Dorothy Sayers Lord Peter Wimsey oder Agatha Christies Hercule Poirot.

Doch solche Fertigkeiten traten in den Hintergrund, als ab den 1920er Jahren der Hard-Boiled-Detektiv die literarische Bühne betrat. 1919 wird in den Vereinigten Staaten die Prohibition eingeführt, die Kriminalität in den USA steigt im Folgenden rasant an. Der eher intellektuelle Zweikampf, den der viktorianische Detektiv mit dem gewieften Verbrecher zu bestehen hat, wird abgelöst durch handfeste Auseinandersetzungen auf der Straße. Polizisten, die oft Veteranen der amerikanischen Kriege waren, kämpften raubeinig gegen Gangsterbanden und das organisierte Verbrechen. Aber auch im europäischen Krimi tummelte sich der einsame Wolf: Ob Nestor Burma in Paris, Kemal Kayankayar in Frankfurt oder Horst Schimanski in Duisburg.

 

Die Nerds übernehmen das Ruder

Anfang dieses Jahrtausend gerät der Hard-Boiled-Detektiv ins Hintertreffen. Ermittlerteams, wissenschaftliche Spezialisten, Forensiker – plötzlich dominiert wieder ein intellektueller Typus. Regelrechte „Nerds“ wie der Mathematik-Professor Charlie Epps aus Numbers, zum Beispiel. Epps, ein mathematisches Genie, assistiert seinem Bruder Don, der ein FBI-Agent ist. Mithilfe komplexer mathematischer Berechnungen versucht Charlie, Verbrechen von Serientätern vorauszusagen und so zu verhindern. Dabei kommen Numerik, Spieltheorie und Fluiddynamik genauso zum Einsatz wie Physik und Informatik. Bei CSI – Den Tätern auf der Spur untersucht ein Kriminalisten-Team die Tatorte mithilfe modernster wissenschaftlicher Methoden. Unter anderem sind ein in Stanford promovierter Chemiker sowie Genetik-Spezialisten Mitglieder des Ermittlerteams.

Auffällig zudem, dass bei CSI zwei Forensikerinnen im Mittelpunkt stehen. Erscheinen weibliche Ermittler heutzutage normal, war das vor zehn Jahren noch ein Bruch der Sehgewohnheiten, der den ausstrahlenden Sender CBS lange zögern ließ, die Serie auf den Schirm zu bringen. Der Erfolg war jedoch phänomenal, und die Wirkung auf die Zuschauer und vor allem Zuschauerinnen ebenso. Die beiden Ermittlerinnen und ihr Fachgebiet wurden derart populär, dass inzwischen sogar High Schools Forensik-Kurse anbieten. Laut Corinne Marrinan, die die CSI-Serien als Produzentin und Autorin mit aus der Taufe gehoben hat, sind es „in den USA heute zu 75 Prozent Frauen, die die forensischen Studiengänge an den Universitäten absolvieren. Seit dem Jahr 2000 bedeutet das einen Zuwachs von 64 Prozent. Frauen haben aktuell mehr als 60 Prozent der Arbeitsplätze in den forensischen Laboren inne.“

 

Politisches Kalkül für die TV-Serien

Auch die Politik hat inzwischen erkannt, welches Potenzial in solchen medialen Rollenvorbildern liegt. Die National Academy of Sciences, eines der wichtigsten Beratungsgremien der amerikanischen Regierung in Wissenschaftsfragen, betreibt mit dem Science & Entertainment Exchange (SEE) in Hollywood ein Programm, das unter anderem Kontakte zwischen Vertretern der Entertainmentbranche, Wissenschaftlern und Ingenieuren herstellt.Ein Angebot, das die Unterhaltungsindustrie dankbar aufnimmt, denn darin liegt die Chance, wissenschaftliche Inhalte fundiert und authentisch zu präsentieren. Prominente Hollywood-Legenden wie Dustin Hoffmann oder Lawrence Kasdan (Autor von Star Wars und Indiana Jones) zählen beispielsweise zu den Unterstützern. Sean Gesell, Hollywood-Produzent und Mitglied des Beirats der SEE, erläutert: „Ein Großteil der Macher in der Hollywood-Industrie fühlt sich der Gesellschaft verpflichtet und ist an einer korrekten Darstellung wissenschaftlicher Zusammenhänge ebenso interessiert wie die Wissenschaftler selbst.“ Doch nicht nur die Wissenschafter belehren die Filmemacher, sondern es entsteht ein gegenseitiger Austausch. Das zeigen reale Entwicklungen wie etwa medizinische Nanobots, die durch Filme inspiriert wurden.

Bleibt trotzdem die Frage, wie es zu der Renaissance des wissenschaftlichen, intellektuellen Ermittlers kommen konnte, nachdem die Rolle des Detektivs fast achtzig Jahre von männlichen Raubeinen dominiert wurde. Auffällig ist, dass der Boom der MINT-Detektive nach dem 11. September 2001 einsetzt und zunächst vor allem die amerikanische Fernsehlandschaft prägt. Neben der organisierten Kriminalität beunruhigt ein neues Trauma, ein neuer Verbrechertypus die USA. Was soll man einem Selbstmordattentäter entgegensetzen, der keine Angst hat, sein Leben zu verlieren und sich im Kampf selbst zu opfern? Pistole und Muskeln sind hier die falschen Mittel. „Wir werden trotzdem siegen – weil wir mehr Wissen und die bessere Technik haben“, so fasst der Medienwissenschaftler Hans-Otto Hügel von der Universität Hildesheim die Kernbotschaft der MINT-Krimis zusammen.

Rationalismus, Wissensvorsprung und überlegene Technik sind die Waffen, die eingesetzt werden müssen, wenn die Nation in Gefahr gerät. Auffällig oft stammen die Antagonisten aus anderen Kulturkreisen: Arabische Fanatiker, europäische Gangsterbanden, chinesische Triaden. Der Hard-Boiled Detective der alten Schule verliert seine Bedeutung, wie man im Vorspann von Navy CIS deutlich erkennen kann. Gibbs, Leiter des CIS-Teams, Haudegen und Irak-Veteran, reißt in einer grimmigen wie verzweifelten Geste den Kopf hoch, bevor Schüsse fallen, und danach die amerikanische Flagge und das Capitol eingeblendet werden. Wenn Nation und Land bedroht sind, so scheinen die Bilder zu sagen, können uns die alten Helden nicht mehr helfen.

 

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